Unsere Unterkunft lag in diesem Jahr in Wengen, nur etwa 30m entfernt von der Marathonstrecke, KM31,5. Eine schönes Appartment mit Sonnenbalkon, auf dem man den Nachmittag und Abend gemütlich verbringen konnte.
Ein Blick auf die Wettervorhersage kurz vor unserer Abreise liess nichts Gutes erwarten, "Wechselhaft mit Schauern" war noch eine der besseren Ansagen, Dauerregen und niedrige Temperaturen die Tendenz. Gut, dass wirklich präzise Vorhersagen nur für kurze Zeitspannen möglich sind, es blieb also zumindest die Hoffnung. Bestärkt wurde diese durch unsere Vermieterin, die zwar ebenfalls wechselhaftes Wetter prophezeite, aber aufgrund der Fönlage doch auch viel schönes Wetter. Und, wie soll ich sagen, die Woche brachte doch tatsächlich jede Menge Sonnenschein und angenehme Temperaturen. Lediglich Montag und Donnerstag gab es Regen, jedoch nie soviel, dass nicht gewandert werden konnte.
Das Digicam-Desaster
Meine Digitalkamera hatte schon in den Tagen vor der Abreise immer mal wieder Aussetzer gehabt und keine live Bilder mehr auf dem Display angezeigt. Das Archiv und die Menüs waren jedoch nach wie vor zu sehen. Laut CANON Homepage könnte das ein Garantiefall sein, bei dem sich die Leiterbahnen auf dem Chip lösen. So kurz vor dem Urlaub lohnte sich ein Einschicken allerdings nicht mehr. Klar, dass die Kamera im Urlaub gar nicht funktionierte, danach zumindest sporadisch wieder. Um nicht ganz ohne Fotos zu bleiben, habe ich einfach ein paar aus dem letzen Jahr verwendet.
Urlaubswoche
Die Woche verging wie im Fluge, begonnen Montagvormittag mit einer kleinen Wanderung nach Mürren bei leichtem Nieselregen. Dienstag morgen wurden wir von strahlendem Sonnenschein geweckt und beschlossen sofort, die Tour zum Jungfraujoch an diesem Tag zu machen. Am Jungfraujoch liegt Europas höchstgelegene Bahnstation. Durch die Zahnradbahn ist die Station zwar für jedermann gut zu erreichen, 3459m bedeuten trotzdem erschwerte Bedingungen für das Herz-Kreislaufsystem.
Oben hat man die Möglichkeit auf einem Gletscher zu wandern und Schlitten zu fahren, bei über 20°C und Sonnenschein ist das einfach irre.
Mittwoch wurde die nächste Zahnradbahn ausprobiert und die Schynige Platte besucht. Auch hier Superwetter und tolle Aussichten.
Am Donnerstag gab es dann viele Wolken und schlechte Sicht. Bei Nieselregen haben wir unsere Zahnrad/Seilbahnwochenkarte voll ausgenutzt. Erst mit der Zahnradbahn zur kleinen Scheidegg, dann auf der anderen Seite runter nach Grindelwald. Von da aus mit der längsten Seilbahn Europas rauf auf den Männlichen in die Wolken und schliesslich wieder mit der Seilbahn runter nach Wengen. Die Tour macht zwar überhaupt keinen Sinn, aber für vier- und vierzigjährige ist es doch ein schöner Zeitvertreib. Der Rest der Familie nutzte die Zeit zum wandern.
Freitag beim Abholen der Startunterlagen wurde dann auch die aktuelle Wetterprognose für das Rennen verteilt. Wie es sich für die Schweiz gehört, eine äusserst präzise Ansage: Beim Start und bis Mittag Sonne und gutes Wetter, ab 14:00 Uhr sind Regenschauer im Zielbereich möglich, im Laufe des Nachmittags Abkühlung und dann ergiebige Regenfälle.
Vorspiel
Die Nacht zum Samstag war für mich durch einen ungewöhnlich schlechten Schlaf geprägt, warum auch immer. Erst kurz vor dem Wecken um sechs Uhr hatte ich das Gefühl eingeschlafen zu sein. Den Marathon bin ich in der Nacht schon mehrfach gelaufen. So eine Art Zusammenfassung, mal gut mal schlecht.
Zum Frühstück einen Kaffee, etwas Brot mit Nutella, das hat schon Boris Becker geholfen und dann rein in die bereitliegenden Klamotten. Zu diesem Zeitpunkt war das Vertrauen in Meteo noch gering, also langes Shirt und darüber noch das kurze Gelbe. Um 7:12 in die Zahnradbahn gestiegen und dort erstmal die anderen MUTler begrüßt, die auch in Wengen übernachtet hatten.
In Lauterbrunnen wartete schon der Regionalzug nach Interlaken vollbesetzt mit Läufern. Mit etwas Glück ergatterten wir noch Sitzplätze und konnten auf der Fahrt schon einmal die ersten fünfzehn Kilometer der Strecke in Augenschein nehmen. Ja, fast flach und am kalten Fluss entlang.
In Interlaken schien bereits die Sonne und es war sofort klar, das lange Shirts hier die falsche Wahl waren. Also wurde kurzerhand auf kurzes Shirt umgewechselt. Wer viel Vertrauen in die Wettervorhersage hatte, sorgte schon dafür, später auf der Strecke noch ein langes Shirt oder eine Jacke zu bekommen. Angesichts des Superwetters kam ich allerdings nicht auf diese Idee.
Der Lauf, Samstag 6. September 2008
Um neun Uhr dann endlich der Startböller zum 16. Jungfrau Marathon und über viertausend Läufer setzen sich in Bewegung. Zu Beginn kommt erst eimal eine vier Kilometer lange Runde durch Interlaken bevor es Richtung Brienzer See und dann Richtung Lauterbrunnen geht. Die Stimmung ist gut und ich halte mich im Dunstkreis des 5:00h-Zugläufers auf. Er gibt anfangs einen 5:20er Schnitt vor, wodurch an den Verpflegungsstationen genügend Zeit bleibt sich zu bedienen.
Bis Kilometer Zehn geht es über Strassen und breite Wege und es bleibt flach. Unmittelbar nach Wilderswill kommt dann eine erste leichte Steigung bevor es dann an die Lütschine geht, der man dann die nächsten Kilometer folgt. Die Wege werden schmaler und überholen ist nur noch begrenzt möglich. Das merkt anscheinend auch der Tempomacher und zieht kurz vor Lauterbrunnen ein wenig das Tempo an. Über ein kurzes Steilstück kommt man in den Ortskern von Lauterbrunnen und hat da auch schon 20 Kilometer geschafft. Wer sich auskennt weiss, dass etwas weiter links die Stelle ist, an der der echte Kampf beginnt.
Vorher geht es aber noch einmal ein Stück das Tal entlang und dann wieder zurück.
Leider hatte am Morgen das Aufkleben der Brustwarzenschutzpflaster im Halbschlaf auch nur halbgut funktioniert, so dass ich bereits nach 10 Kilometern merkte, dass etwas nicht in Ordnung war. Da bei jeder Verpflegungsstelle auch eine Sanitätsstation war, beschloss ich, kurz vor dem Halbmarathon einen Zwischenstop einzulegen und mir ein neues Pflaster zu besorgen. Diese Aktion hat mich etwa zwei Minuten gekostet, gehalten hat das Pflaster aber trotzdem nicht, auf schweissgetränkter Haut klebt es sich halt nicht allzu gut. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass ich bei den folgenden Bergaufstrecken überhaupt kein Pflaster benötigte. Viel schlimmer war, dass ich den grünen Ballon des Zugläufers nur noch in weiter Ferne sah und auf den folgenden, letzten, flachen vier Kilometern nicht mehr näher kommen konnte.
Bei Kilometer 25 kommt noch eine Verpflegung und dann beginnt der Aufstieg nach Wengen. Drei Kilometer mit 500 Höhenmetern. Ab jetzt ändert sich der Charakter des Laufs. Die Streckenmarkierungen erfolgen nun nicht mehr jeden Kilometer sondern alle 250 Meter. Und es gibt Augenblicke auf der Strecke, an denen man sich nichts mehr wünscht, als wieder einen viertel Kilometer geschaft zu haben. Auf diesem Abschnitt läuft kaum noch jemand, zügiges Wandern ist die bevorzugte Bewegungsart. Laufen ist kaum schneller und erfordert deutlich mehr Kraft. Kraft, die man später noch brauchen wird.
Nach zahllosen Serpentinen ist mit Kilometer 28 endlich das Ende des zweitsteilsten Abschnitts erreicht. Jetzt geht es erstmal flach, manchmal sogar leicht bergab an Wengen vorbei. Dieser kurze Erholungsabschnitt geht dann über in die asphaltierte Schleife nach Wengen und Kilometer 30. Wer kann, läuft hier wieder langsam an, dieses Mal bin auch ich dabei und hole den 5:00h-Läufer wieder ein. Danach habe ich ihn leider nicht mehr wiedergesehen, vermutlich hat er sich in Wengen von seinem grünen Ballon getrennt.
In Wengen selbst folgt ein relativ flacher Kilometer bevor es dann wieder nach oben geht. Der Weg aus Wengen heraus hat eine Steigung, bei der man nicht weiss, ob man besser läuft oder geht. Die meisten entscheiden sich für Gehen, auch ich kann mich nur anfangs zum Laufen aufraffen.
An der Bahnstation Allmend, Km 32 wird es dann wieder etwas flacher, bis km 38 folgen ein paar wellige Streckenabschnitte, die man normalerweise gut laufen kann. Das hat ein bischen was von den aus dem Training bekannten Strecken im Siebengebirge, nur 1000m höher gelegen.
Meine Kraftreserven näherten sich aber bereits dem Ende und Laufen ging nur noch auf den ganz flachen Stücken. Sobald es auch nur ein kleines bischen ansteigend wurde, konnte ich nur noch gehen. Den meisten anderen Läufern ging es übrigens nicht besser. Bei mir lief es hier zwar deutlich besser als im letzten Jahr, aber ich war doch ein kleines bischen enttäuscht, dass ich nicht mehr Stücke laufen konnte.
Je näher 14:00 Uhr und damit der letzte schwierigste Streckenabschnitt kam, desto schlechter wurde das Wetter. Bei Kilometer 38, Abzweigung Wixi, geht es auf eine Bergpassage, die schliesslich bei km 40 auf die Moräne des Gletschers führt. An dieser Stelle kann man normalerweise die nicht endende Schlange der Läufer sehen, die sich den Berg hochwindet. In diesem Jahr war der komplette Abschnitt in den Wolken versunken. Am Beginn des Bergweges kommt es jedes Jahr zu einem Stau, da auf dem sehr anspruchsvollen Rest kaum noch überholt werden kann. Im Stau wurde es in diesem Jahr zusätzlich unangenehm kalt und ohne all die anderen Läufer wäre es sogar ernsthaft unheimlich im Nebel der Berge. Manch einer verliert hier etliche Minuten und kann so seine Wunschzeit nicht erreichen. Für mich kam der Stau gar nicht so ungelegen, viel schneller konnte ich ohnehin nicht mehr und so konnte ich das allgemeine Tempo noch mitgehen.
In diesem Jahr wurden zur Verbesserung der Stauproblematik zwei verschiedene Wege bis zur Moräne markiert, die abwechselnd(?) für ein paar Minuten mit Läufern beschickt wurden. Kurz vor dem steilsten Stück vor der Moräne kamen die Läufer dann wieder zusammen und der Stau war wie gewohnt. Da angesichts der zwei Wege anscheinend auch mehr Starter zugelassen wurden, kam als Ergebnis keine Verbesserung der Stauproblematik heraus.
Im tiefen Nebel ging es dann schliesslich auf das letzte und imposanteste Stück Strecke, der Moräne. Imposant zumindest bei gutem Wetter, diesesmal einfach nur ein Stück bergauf mit 20 Metern Sichtweite. Gut, dass ich den Marathon nicht zum ersten Mal gelaufen bin.
Am Ende der Moräne steht alljährlich der Dudelsackspieler, den man weit früher gehört als gesehen hat. An diesem Punkt hat man 41km und fast alle Höhenmeter geschafft. Noch einmal geht es ein bischen hoch zum Schokoladenfelsen. Hier wird einem von freundlichen Helfern die Hand gereicht, um Stürze beim Herabsteigen zu vermeiden. Auf dem Felsen liegen Schokoladenstückchen, die man natürlich gerne mitnimmt.
Kurz vor dem Felsen hatte sich David postiert und ein Beweisfoto geschossen, dass ich tatsächlich mitgelaufen bin. Wenn ich es bekomme werde ich es selbstverständlich nachreichen...
Dass ich sogar kurze Zeit später die Ziellinie überquert habe, kann sich jeder selbst ansehen. Unter www.jungfrau-marathon.ch gibt es einen link zu den finisher clips. Meinen findet man mit der Startnummer 2285. Der Typ im gelben Shirt bin ich.
Fünf Stunden und fünf Minuten ist meine Endzeit und damit bin ich immerhin acht Minuten schneller als im letzten Jahr gelaufen. Unter fünf Stunden zu bleiben hat dagegen leider nicht geklappt. Nachdem ich gesehen hatte, dass mein Training auch nicht viel besser als beim ersten Mal war, hatte ich dieses Ziel auch nicht mehr ernsthaft verfolgt.
Fazit
Der Jungfrau-Marathon zählt sicherlich zu den schönsten aber auch härtesten Landschaftsläufen der Welt. Die herrliche Umgebung, die gute Organisation und die tollen Helfer machen den Marathon zu einem echten Erlebnis. Auf Endzeiten kommt es weniger an als auf gutes Wetter und auf den Stau kurz vor Ende muss man sich einstellen und nicht allzusehr darüber ärgern. Eine wirkliche Lösung liesse sich wohl nur durch Verzicht auf die Moräne erreichen und das wäre schade, denn es ist ein echter Höhepunkt, zumindes bei gutem Wetter. Wer die Berge mag sollte sich diesen Lauf nicht entgehen lassen.
Resturlaub
Am Sonntag ging die Marathonwoche dann mit Dauerregen zuende und sechs Stunden Autofahrt standen an. Das Wetter wurde besser und ohne Stau waren wir am frühen Nachmittag wieder in Troisdorf. Die verbleibenden Tage bis einschliesslich heute waren ruckzuck vorüber und morgen geht es tatsächlich wieder zur Arbeit. Ein paar Tage mehr wären schön, würde ich sagen. Wie immer!
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