Lange Läufe fangen also erst bei zwölf Stunden an. Naja, das war ein echter Aufwärmer.
Aber zurück zum Anfang der Geschichte. Freitag Mittag war Abfahrt, wer um Zwölf losfährt kommt meist noch problemlos an Würzburg vorbei. Unglücklicherweise hat man in Würzburg eine für mich neue Baustelle aufgemacht und ausserdem in NRW die Osterferien ausgerufen. 20km Vor Würzburg war also Schluss mit dem lockeren Durchkommen und wir standen. Also runter von der Autobahn und irgendwie an Würzburg vorbei, eine Idee, die offensichtlich viele andere auch hatten.
Mit nur anderthalb Stunden Verspätung erreichten wir schliesslich Etappenziel eins, den Onkel am Main. Dort hatten wir uns für die Nacht einquartiert und wurden mit einer Pastaparty vom Feinsten begrüßt. Zu den vier Nudelsorten gab es ebensoviele Soßen, von denen das original Bärlauch-Pesto herausragte. Gemacht aus frischem Bärlauch, gepflückt in den umliegenden Wäldern. Tja, da gibt es noch Natur, innerhalb des Troisdorfer Autobahnrings würde ich das eher nicht probieren.
Samstag morgens um sieben ging es dann los Richtung Nürnberg. Ziemlich kalt war es und vor Abfahrt durften erstmal die Scheiben freigekratzt werden. Dementprechend klar war der Himmel und die Sonne lies nicht lange auf sich warten. Es hatte sich doch tatsächlich zwischen die ganzen fiesen Tiefdruckgebiete mit Dauerregen ein wunderschöner Samstag gemogelt. Das Sri Chinmoy Marathon Team hat also zumindest schon mal einen guten Draht zur Wetterabteilung.
Vielleicht ist das schon der erste Hinweis auf die Selbsttranszendenz.
In Nürnberg fanden wir dann auch einen schönen Parkplatz in der Nähe der Strecke und schritten zur Anmeldung. Dort war man noch fleissig mit dem Aufbau beschäftigt, alles in einer sehr entspannten Atmosphäre, die sich bis zum Abend hielt. Selbsttranszendenz scheint auch was mit Ruhe und Gelassenheit zu tun zu haben. Nachdem wir unsere Startnummern sowie ein paar Hinweise zum Ablauf bekamen, konnten wir uns die Gegend noch etwas ansehen.
Gelaufen wird an der Wöhrder Wiese südlich der Nürnberger Innenstadt. Die Spazierwege einmal aussen herurum ergeben genau 1522m. Um bei 50km genau an der Zeitnahme zu sein, erfolgte der Start einige Meter weiter vorne, so dass die erste Runde etwas kürzer war. Vergisst man das, landet man schon mal knapp vor der Vollendung eines Kilometers...
Zwanzig Minuten vor dem Start erfolgte die Kontaktaufnahme mit den Rundenzählern, von denen jeder etwa fünf oder sechs Läufer gezählt haben wird. Die Männer wurden übrigens von Frauen und die Frauen von Männern gezählt, war wohl zur Motivation gedacht und hat auch motiviert. In der Ansage vor dem Start wurde noch mal darauf hingewiesen, immer schön Blickkontakt aufzunehmen, um eventuell abgelenkte Zähler auf sich Aufmerksam zu machen. Dieses Zählsystem hat ziemlich gut funktioniert und nach ein paar Runden kannten einen die Zähler und haben einen stets namentlich angefeuert.
In den vergangenen Wochen haben wir viel diskutiert, ob 1.522 nicht eine viel zu kurze Rundenlänge ist. Im Nachhinein sage ich eindeutig nein. Der Kurs war überschaubar, man konnte immer sehen, wo die anderen sind und vor allem, alle 1.522m gibt es eine super Verpflegung und die Zählstation.
Die Laufstrecke wurde übrigens noch verschönert mit Blumen, Fähnchen und RIESEN-SMILIES an den Bäumen. Dazu säumten eine Reihe mit Tafeln den Weg, auf denen Weisheiten von Sri Chinmoy aufgedruckt waren. Obwohl ich immerhin 38 Mal im Kreis gelaufen bin, habe es nicht geschafft, mir die Sprüche zu merken. Ich weiss nur noch, die Sprüche waren aufmunternd und boten einige Runden Anlass zur Unterhaltung.
Einer war: Der Vollkommenheitslauf hat keine Ziellinie, der Lauf zur Vollkommenheit ist endlos. (Ohne Gewähr auf richtigen Wortlaut).
So drehte man dann also Runde auf Runde, von unserem geplanten Richttempo 6:00 min/km stets ca. 20 Sekunden in Richtung schnell entfernt. Alle paar Runden kamen die führenden Läufer vorbei, aber bald konnten auch wir überrunden. Da Rennen mit den meisten Kilomtern zu beenden ist übrigens nur eine Art des Sieges. Den Lauf überhaupt zu beenden eine weitere. Stand auch auf einer der Tafeln.
Irgendwo bei Kilometer 20 oder 25 haben wir Chefcoach Karl nach vorne weggeschickt, da er in guter Form und Laufstimmung war. Bis zum Marathon sind Gaby und ich dann allerdings auch nicht viel langsamer geworden, aber bei Kilometer 43 hat es mich dann erwischt. Das Tempo konnte ich nicht mehr gehen und so verabschiedete ich mich von Gaby und liess mich zurückfallen. Loch Nummer eins war da! Von da an wurde es für mich ziemlich schwer, auch wenn ich aus dem ersten Loch vorübergehend wieder herausgekommen bin.
Diejenigen Läufer, die auf der nächsten Runde ihren 50sten Kilometer laufen würden, bekamen von ihrer Zählerin (bzw. Zähler) eine rote Fahne mit einer 50 in die Hand gedrückt. Diese Runde bin ich dann wieder (fast) geflogen, auf jeden Fall war ich ziemlich stolz, so um die fünf Stunden die Marke zu überwinden. Da war ich der Selbstranszendenz wahrscheinlich schon ziemlich nahe. Meine finale Interpretation der Selbsttranszendenz ist nähmlich das "Überschreiten der eigenen Grenzen und Erreichen eines irgendwie anderen Zustands".
Leider hat es aber nicht ganz gereicht, denn bei Km 52 war es dann endgültig vorbei mit meinem Zwischenhoch. Die letzten fünf Kilometer waren von ziemlichen Schwächephasen gesäumt. Irgendwann überholte mich meine Frau, die ich vielleicht mal Fragen sollte, ob sie die Selbsttranszendenz gespürt hat. Während des Laufs hatte ich keine Zeit, sie war einfach zu schnell.
Schließlich kam auch noch Karl vorbei, der sich zwischenzeitlich mit einer Verletzung plagte, die er sich beim Zusammenprall mit einer BMW-Anhängerkupplung zugezogen hatte. Für mich war er allerdings auch mit Schmerzen noch zu schnell. Was für Leute fahren eigentlich einen sportlichen BMW mit Anhängerkupplung?
Vor der letzten Runde bekam dann jeder Läufer einen Stab mit seiner Startnummer, um später die Restmeter messen zu können. Ich war so lahm, dass ich mir den Stab schon sicherheitshalber in der vorletzten Runde abholte, man weiss ja nie. Schließlich vollendete ich die 38ste Runde noch und beschloss, den Rest zu gehen. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass man nicht so weit zurücklaufen musste. Ausserdem hatte ich schon vorher meine Frau anfliegen gesehen und wollte ihr auch zügig zu den mehr als 60 Kilometern gratulieren. Da ich langsam genug und sie schnell genug war, schaffte sie es doch tatsächlich, mich zwei Minuten vor dem Ende ein zweites Mal zu überrunden. Als mich dann erreicht hatte, beschloss ich sofort den Stab zu werfen und sie auch gleich festzuhalten und zum super Lauf zu gratulieren.
Nach dem Ablegen des Stabs gingen die Läufer in den Zielbereich um sich noch ein wenig zu stärken. Diese Zeit nutzten die Nürnberger Kinder oder Hunde und entfernten einige, der Stäbe. Dies führte bei der Auswertung natürlich zu Schwierigkeiten und diskussionen. Ich fürchte, der eine oder andere Läufer hat in diesem Zusammenhang möglicherweise nicht die richtige Meteranzahl bekommen. Aber auch dieser Zwischenfall wurde mit Ruhe behandelt und am Ende wird man sich hoffentlich einig.
Zum Abschluss gab es dann noch warme (!) Duschen für alle und haufenweise Nudeln und Getränke um die Wartezeit zur Siegerehrung zu überbrücken. Insgesamt ist der Nürnberger 6h-Lauf eine wirklich tolle und familiäre Veranstaltung, an der ich mich durchaus vorstellen könnte, noch einmal teilzunehmen und dann die Selbsttranszendenz zu erreichen. Meine derzeitigen Grenzen kenne ich jetzt auf jeden Fall.
3 Kommentare:
Du hast meine absolute Hochachtung vor dem Durchhalten und vor der Kilometeranzahl. Und "Shirts nur bei langen Läufen" ist echt der Knaller.
Also Glückwunsch zum ersten 6-Stunden-Lauf und die Selbsttranszendenz wirst Du sicherlich auch noch finden - entweder beim 6-Stunden-Lauf oder aber vielleicht auch irgendwo in Troisdorf im Wald.
Für mich seid Ihr alle Helden!
Keine Sorge, auch ohne T-Shirt bist Du ein Ultraläufer :-)) - willkommen in unserer großen Gruppe der nur leicht Verrückten... Ultras haben übrigens einen komischen Humor, so etwas wie die 6 Stunden wird landläufig auch als Bambinilauf bezeichnet, ehrlich gesagt komme ich da auch noch nicht so ganz mit zurecht...
Aber was soll's. Genieß den Erfolg und danke für den schönen Bericht...
Viele Grüße
Lars
@Anja: die Frau an der Anmeldung hat den Spruch so derartig trocken gebracht, dass wir uns erstmal alle schlappgelacht haben. Wir sind halt Bambinis ;-)
@Localzero: ja, ein bischen verrückt sind die Ultras, aber meistens auch sehr nett. Auf so kleinen Runden gibt es ja viele Gelegenheiten zum Plaudern.
Schön übrigens, dass ausser Anja mal noch jemand einen Kommentar hinterläßt.
Danke Euch beiden!
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